Gott als flüchtender Mörder?

Es ist gerade mal ein Jahr her, dass wir uns mit dem Satiremagazin Charlie Hebdo lauthals solidarisiert haben. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit zum karikieren, Freiheit zum demonstrieren – mit spitzer Feder und scharfer Rede.
Aber ich „war“ nie Charlie Hebdo.

Unsere Freiheit zur Karikatur in allen Ehren, aber damals wurde eine Religion bis aufs Messer provoziert und am Ende hat diese Religion zu ihren Mitteln gegriffen und die Gotteslästerung mit einem grausamen Massaker quittiert. Wehret den Anfängen! So nicht! Jedenfalls nicht in Europa. Unsere Rechtsprechung beruht auf den 10 Geboten und der Ethik des Neuen Testaments, nicht auf der Scharia.

Pünktlich zum Jahrestag des scheußlichen Verbrechens an den Redakteuren des Satiremagazins liefert Charlie Hebdo eine Karikatur, die den Gott der Liebe, des Friedens und der Barmherzigkeit mit einem Maschinengewehr auf dem Buckel darstellt, versehen mit der Schlagzeile: „Der Mörder läuft immer noch frei rum!“

Das sollt ihr wissen, Ihr Scharfschützen mit der spitzen Feder: Dieser Gott, der sich einer armseligen Minderheit in der ägyptischen Provinz Gosen als Gott der Zwangsarbeiter, der Sklaven, der Unterdrückten vorgestellt hat, dieser Gott ergibt sich geradezu in die Hände der Lästermäuler und Lästerzeichner. Blasphemie darf sich wie ein pubertierender Teenager im seriösen Haus der Satire austoben. Gott hält das aus.

Er begibt sich in die Hände seiner Feinde. Er braucht nicht den Schutz unseres Grundgesetzes.
Die Geschichte der christlichen Kirche trägt die Bereitschaft gewissermaßen artspezifisch in sich, Lästerung zu erdulden und zu ertragen. Das Christentum ist geradezu imprägniert gegen solche Attacken und es hat dieser Glaubensgemeinschaft im tiefsten nie geschadet, diese Angriffe zu ertragen. Im Gegenteil: die geistliche Qualität der christlichen Kirche reift in der Erduldung des Angriffs. Der Gott der Bibel, der Gott Abrahams Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi hält jede Karikatur aus.

Wenn Christen Schmähungen ertragen, stehen sie komplett auf dem Boden der Bibel. Segnet, die euch fluchen! Und jeder, der zur Gewalt gegen Charlie Hebdo und andere Skizzenkämpfer aufruft, verlässt den Boden der Bibel. Der Prophet Jesaja beschreibt in seinem berühmten Gottesknechtslied den Messias, den Heiland und Erlöser der Welt als ein Lamm, das zur Schlachtbank gezerrt wird und das nicht plärrt und sich nicht gegen seinen Schlächter wehrt. Satire in Reinkultur!

Werte Kollegen von Charlie Hebdo, unsere Anteilnahme ist bei Euch und Euren ums Leben gekommenen Redaktionskollegen. Am Tag der Trauer und der Solidarität mit allen, die sich das Zeichnen und Schreiben nicht verbieten lassen, möchte ich Euch von einem Typen grüßen, der vor 2000 Jahren für Schlagzeilen gesorgt hat. Nicht, weil er die römische Besatzungsmacht nieder gemäht hat, und auch nicht, weil er die Fundamentalisten in der eigenen Religionsgeschichte mit Karikaturen verhöhnt hat.

Jesus von Nazareth hat vor rund 2000 Jahren am Nordufer des Sees Genezareth in Israel eine aufmüpfige Rede gehalten: den Verzicht auf Gewalt. Liebet eure Feinde! Die uns bedrohen und verfolgen, die unsere freiheitlich demokratische Ordnung verachten, die Moscheen, Synagogen und Kirchen niederbrennen. Segnet die, die das Heilige besudeln und den Friedensstifter mit gespitzten Stiften erneut kreuzigen.

Jesus wurde kurze Zeit später gewalttätig karikiert. Gekreuzigt! Seine Botschaft wurde von seinen Schülern mündlich überliefert und ein paar Jahrzehnte nach seinem Tod schriftlich dokumentiert. Die Bergpredigt gilt seitdem als revolutionärstes Konzept der Weltliteratur zur Überwindung von Hass und Gewalt.

Liebe Leute von Charlie Hebdo! Ich wünsche Ihnen für alles kritische Schreiben und skizzieren diesen leibhaftigen Wertemaßstab, nämlich Jesus Christus. Wer in seinem Sinne handelt, wird zum Frieden beitragen, auch mit spitzer Feder.

Jürgen Mette, Marburg